Die Flotte der Maare, und weitere Projekte
Überwiegend geschrieben von skalabyrinth:
“Die Flotte der Maare” ist ein recht experimentelles Werk, das entstanden ist, weil ich eine bestimmte Szene schreiben wollte und irgendwie dann alles drumherum geschrieben habe. (Wenn ihr es irgendwann mal lest oder gelesen habt: Es ist die Szene, in der Amira auftaucht.) Es ist das erste Buch, das ich nicht chronologisch geschrieben habe. Vielleicht ist es ihm anzumerken, wenn man genau hinliest.
Es spielt auch in der Welt, in der Myrie Zange spielt, allerdings ungefähr 400 Jahre zuvor, in einer Zeit, in der Schusswaffen noch nicht üblich waren, aber die Landsleute anfingen, die Welt zu umsegeln. Es ist ein Einzelband. Vielleicht schreibe ich irgendwann einen zweiten in dem Zeitalter der Welt, der in irgendeiner Weise mit diesem zusammenhängt, aber das ist ferne Zukunftsmusik, deren Klänge noch kaum durch den Wald anderer Buchpläne zu uns durchdringen.
Es liest sich unabhängig von meinen anderen Büchern und hat durch das andere Zeitalter auch eine andere Atmosphäre.
Es ist nun im Buchhandel erschienen (Bookmundo-Verkaufslink).
Besonderheiten dieses Buchs gegenüber anderen von mir
Dreizehn Perspektiven
Bis zu meinem Buch Wenn es nicht passiert, das ich kurz vor diesem geschrieben habe, habe ich bevorzugt, wenn Bücher strikt aus aus einer Perspektive geschrieben werden, die nie wechselt, und habe es auch selbst so gehalten. In besagtem Buch habe ich dann zwei Perspektiven ausprobiert, die sich abgwechseln.
Und dann ist es irgendwie explodiert: Die Flotte der Maare ist ein Buch aus 13 Perspektiven und die meisten Kapitel sind kürzer als in meinen anderen Büchern. Auf diese Weise ist es kein Buch, das dazu gedacht ist, tief und ausgiebig in einer Perspektive aufzugehen und darin wirklich abzutauchen. Ich habe durchaus versucht, immersiv aus dem inneren der Figuren heraus zu schreiben, und nachvollziehbar. Aber es sind eher Abtauch-Episoden.
Eine der Perspektiven ist sogar die Perspektive einer Ziege. Ihre kurzen Kapitel sind als einzige in Ich-Form geschrieben und teils (ja nur teils) in Präsenz!
Episoden
Die häufigsten Kritiken, als ich das Buch auf belletristica (so eine online Plattform für Geschichten, die leider nicht mehr existiert) kapitelweise veröffentlicht habe, waren:
- Kein sich aufbauender, durchgehender Spannungsbogen. Es wäre auch gar nichts in Gefahr.
- Die Figuren verhielten sich nicht realistisch, niemand wäre in Lebensgefahr so abgeklärt.
Beides sind berechtigte Kritiken, wenn man sich ein spannendes, neurotypisches Buch wünscht, das den üblichen Schemata eines Aufbaus folgt. Aber das tut dieses Buch nicht.
Viele der Figuren sind wohl auf dem Autismus-Spektrum (am klarsten habe ich es bei der Kapitänin gemacht) und mindestens einige sind auf die ein oder andere Art traumatisiert. Ich spiegele in der Ruhe und “Abgeklärtheit” im Buch wider, wie ich mich in gefährlichen Situationen wahrnehme. Als wäre etwas von mir abgeschnitten. Oder hätte längst aufgegeben. Oder auch doch nicht. Es gibt absurde Situationen, die ich vielleicht deshalb so mag, weil mir vieles im Leben so albern und absurd vorkommt, wenn ich da mit meinem traumatisierten, autistischen Blick draufsehe.
Am Ende des Tages allerdings habe ich beim Schreiben nicht überlegt, dass ich dieses und jenes Bild als Metapher für meine Behinderungen und Traumatisierungen benutzen möchte, sondern ich habe nur gedacht, ich möchte dieses und jenes Bild erzeugen, weil ich darin etwas fühle, was ich gerade gern fühlen möchte.
Auf diese Weise entsteht ein Buch, das eher eine Aneinanderreihung verschiedener Episoden ist, die zusammen ein Leben oder eine Geschichte oder ein zerrissenes Bild aufbauen. Ist es nicht spannend dadurch, dass ich so schreibe, dass meine wichtigen Figuren meistens überleben? Das müsst ihr für euch entscheiden. Unbehelligt bleiben sie nicht.
Es ist ein Buch, dass sich durchaus mit Verlust und Trauer – verschiedener Art von Trauer – und Verletzung der eigenen Würde auseinandersetzt.
Worum geht es und warum brauchte es so dringend ein Sensitivity Reading?
Irgendwie habe ich im letzten Artikel zur Veröffentlichung von Myrie Zange, Band 2 einen Absatz mit ähnlicher Überschrift geschrieben. In diesem Buch ist das Thema für das nötige Sensitivity Reading allerdings nicht Antisemitismus, sondern eher Konsens. Aber eins nach dem anderen:
Ein Sensitivity Reading ist so etwas wie ein Lektorat mit besonderem Fokus auf sensiblem Umgang mit Diskriminierungsformen im Text. Wenn ihr eines für euch sucht, empfehle ich diese Seite für SR.
Konsens fällt eigentlich nicht so recht unter Diskriminierungsformen, aber wenn es um Trauma geht, welches Grenzverletzung im Zentrum hat, ist Konsens ein besonders wichtiges Thema.
Eigentlich hatte ich, wenn dann andere Sensitivity Readings für dieses Werk geplant, mich aber dann entschieden, dass ich mit ein paar Runden Beta-Lesen auskommen muss, weil ein Sensitivity Reading leider sehr teuer ist und ich als nicht-kommerziell Veröffentlichendes nicht so viel Geld habe. Ich bleibe natürlich trotzdem verantwortlich dafür, mich aufzuklären und zuzusehen, dass ich erfahre, wenn ich diskriminierenden Mist fabriziere, und dann dafür gerade zu stehen und es zu ändern.
Die Flotte der Maare vereint meine Myrie Zange-Welt mit meiner alten Jugendliebe zu Büchern, die mit Genderbending auf Segelschiffen spielen. Es gibt eine Hafenmeisterin, die so tut, als wäre sie ein Mann. Und es gibt eine sehr queere Crew, die herumpiratiert. Außerdem gibt es ein Assassinan. Die Endung ‘-an’ lässt das Geschlecht offen, und es ist eine Person, die professionell gelernt hat, aus dem Hinterhalt zu töten. Auch das ist ein Charakter-Archetyp, der mich angezogen hat.
Was es nicht gibt, ist Alkohol. Für mich ist Alkohol ein Trigger-Thema, und darüber hinaus fand ich es immer mies, Segel-Bücher nur mit Alkohol lesen zu können. Oder die Normalität, die Alkohol in Büchern so hat, die stört mich auch.
Aber während die meisten meiner Bücher Alkohol aussparen, ohne ihn überhaupt zu erwähnen, wird er hier durchaus erwähnt, und zwar als Besonderheit der Flotte der Maare, die als eines ihrer zwei Gesetze hat: Es wird kein Alkohol konsumiert.
Es geht also um Piraterie, Trauma, Autismus, Queersein mit einem Fokus auf Geschlecht, Ausbrechen aus Geschlechterrollen, und schließlich um Beziehungen.
Ich schreibe darüber, wie Figuren sich kennen lernen, oder sich schon lange kennen und mehr miteinander wagen (z. B. BDSM). Das versuche ich so behutsam und reflektiert, wie ich das auch in meinen anderen Büchern probiere, und obwohl ich zu vielen meiner Bücher das Kompliment erhalten habe, Leute lernten durch jene, wie Konsens eigentlich aussehen könne oder lernten Grenzen für sich zu setzen, ist mir dies in diesem Buch im ersten Anlauf nicht gut geglückt.
Eins meiner Beta-Leserys war E. V. Ring. Vii wollte nichts ahnend dieses Werk von mir lesen und dann hat es viiv überhaupt nicht gefallen, und das zurecht. Ich habe in der alten Version zu sehr drauf gebrannt, meine eigenen liebsten Tropes in Worte zu kleiden, und dabei nicht geschaut, was ich da unbewusst als Nebenprodukt fabriziere: Ursprünglich hat die Figur Rash geradezu Gedanken anderer gelesen und auf übergriffige Art anderen mitgeteilt, was sie denken, und Konsens war auf diese Art zwar abgesprochen, aber es war sehr riskant, ob er wirklich gemeint war und nicht bloß suggeriert. Durch vii ist ein Abschnitt im Werk gelandet, der erklärt, dass Unsicherheit in Kombination mit Sätzen wie “du willst bestimmt xy” in BDSM-Kontexten (bestimmt auch in anderen) dazu führen kann, dass die unsichere Person sich ihre eigene Wahrnehmung überschreiben lässt. Und das ist gefährlich.
Ich danke viiv, dass vii sich da zur Hälfte durchgequält hat, trotz der ganzen Emotionen, die es bei viiv hochgeholt hat, und mir so viel wertvolle Rückmeldung gegeben hat, aus meinen Figuren weniger unerträgliche Hellsehende zu machen. Rash hat immer noch eine gute Charakterkenntnis. Und es läuft nicht alles ohne Fehler ab, aber sie werden angesprochen. Meine liebsten Figurentypen und Atmosphären bleiben erhalten.
Ich bin viel zufriedener mit dem Werk nach dieser Überarbeitung. Aus dem Plan, dass E. V. Ring mein Buch gemütlich betalesen würde, wurde ein stark eingreifendes Sensivity Reading.
Cover und Genre
Zum Cover haben mir bestimmt drei Leute unabhängig voneinander zurückgemeldet, dass sie von diesem ausgehend vermuten würden, es handele sich um ein Kinderbuch. Und es mag rebelliös von mir sein, dass ich trotzdem dabei bleibe.
Von einigen meiner autistischen Lesenden habe ich zurückgemeldet bekommen, dass sie das Cover sehr mögen.
Mir ist schon öfter aufgefallen, dass in vielen Bereichen des Lebens Erwachsenen quasi (indirekt) verboten ist, etwas kindlich/niedlich Wirkendes zu haben, weil “der Markt” es nicht zulässt. Ich hätte zum Beispiel sooo gern eine Hose mit Haien drauf. Ich sehe so oft Kleidung für Kinder und denke mir, warum gibt es das nicht in meiner Größe?
Und so ähnlich denke ich mir das auch bei Büchern. Ich sehe Cover und denke mir, warum gibt es das nicht mit meinem Content? Oder ich hätte gern so eine Art Crossover? Ich hätte zumindest gern mehr Auswahl.
Also mache ich. Ist es gut für meine Verkäufe? Vielleicht nicht. Aber ich möchte halt mir nicht vom Markt das wegnehmen lassen, worin ich mich wohlfühle, sondern, wenn auch vergeblich, Schritte wagen, um mir den Raum zu erkämpfen, in dem ich sein will. Also bleibt es bei diesem Cover.
Preise, Verkaufskonzept und Supportmöglichkeiten
Die Flotte der Maare kostet 13,50€, bei Bookmundo, dem gewählten Book-on-Demand-Service. Wir haben Tredition mit Bookmundo verglichen und uns aus verschiedenne Gründen für Bookmundo entschieden, die Preisgünstigkeit als Argument voran. Wir erhalten dabei etwa 3 Cent pro Buch, wenn es über den Buchandel geht und 2,55€ pro Buch, wenn es über Bookmundo bestellt wird. Bestellungen über mich, solange ich welche auf Lager habe, bringen noch etwas mehr ein (4,30€ umgerechnet aus der Bestellung über 30 Bücher, die ich aufgegeben habe). Unser Ziel ist, über die Einnahmen, so wie über Spenden von Leuten, zu finanzieren, dass einzelne die Bücher geschenkt bekommen können, wenn sie sich keines leisten können. Ich feiere sehr, dass ich die Veröffentlichung angekündigt habe und sich direkt jewesen bei mir gemeldet hat, sie wolle kein eigenes Buch, aber sie würde für zwei Personen die Kosten übernehmen, die sich keines leisten können. Also fragt gern nach, wenn ihr eines haben wollt, aber nicht bezahlen könnt: Solange es sich ausgeht, machen wir das möglich, Exemplare zu verschenken. Wenn ihr gern Bücher für andere übernehmen wollt, sagt auch gern Bescheid, ich matche euch dann anonym, wenn jewesen auftaucht.
Man könnte argumentieren, dass ich mehr an meinen eigenen Profit denken solle, aber ich habe den Eindruck, dass es noch so ist, dass dieses “Geschäftsmodell” besser für alle Beteiligten ist. Denn falls ihr skalabyrinth-Kunst allgemein gern unterstützen möchtet, habe ich Accounts bei den Support-Plattformen patreon, steady und ko-fi. Da ich zukünftig mehr von Kunst leben möchte/muss, weil mein ursprünglicher Job wegen chronischer Krankheit nicht mehr ausreichend für mich leistbar ist, würde ich mich sehr über Supportende freuen, sofern ihr es wirklich wollt und übrig habt.
Auf diese Art können sich Leute freier entscheiden, wieviel sie mir geben, und mein Eindruck ist, dass ich dadurch sogar mehr Geld erhalte als durch ein klassisches Veröffentlichungsmodell. Es kam schon vor, dass mir jemand 50€ gespendet hat, weil eins meiner ebooks so gefallen hat. Das bekäme ich doch frühestens nach 20 Verkäufen rein.
So oder so: Ich mag Freiwilligkeit. Und besonders mag ich zu spüren, wie sehr dabei ein gegenseitiges Unterstützen stattfindet, und dass Leute an Print-Werke von mir kommen, die eben sonst keinen Zugang hätten. Es ist so wunderschön.
Wie geht es weiter im Windblüten-Projekt?
“Myrie Zange – Funkenstille” (das ist Band 3) befindet sich immer noch in einem langsamen und wunderschönen Lektorat und Sensitivity Reading mit Evanesca. Außerdem arbeite ich aktuell an einer Übersetzung von “Myrie Zange” Band 1 ins Englische. Im Sommer habe ich an einer Neu-Vertonung des Hörbuchs zu diesem Band gearbeitet, aber dann ist mir einiges an meinem Sound-Setup kaputt-gegangen und ich brauchte Ersatz, und anschließend hatte ich eine Erkrankung der Atemwege und dann war ich aus psychischen Gründen in einer Klinik, also nicht vor Ort.
Als nächstes Projekt möchte ich Worte aus Schall und Staub als Print rausbringen.
Iris Leander Villiam schreibt auch an einem gefühlvollen BDSM-Projekt, in dem es auch um Trauma-Verarbeitung geht. Aber es hat einen sehr anderen Flavour als “Die Flotte der Maare”. Außerdem möchte ser gern die Überarbeitung des Romans “Drudenträume” wagen.
